Schon fast einen Monat im Amt - Annette Böckler

«Stell dir vor», erklärte ich meinem Nachbarn auf die Frage, was genau ich bei meiner künftigen Aufgabe machen werde, «Stell dir vor, ein Jude, ein Christ und ein Moslem sitzen in einem Büro». Ich konnte nicht weiter erklären, denn mein Nachbar fing zu lachen an und meinte: «Ist das ein Witz?»

Nun, dass in unserem Institut Juden, Christen und Muslime eng zusammenarbeiten und alle Projekte gemeinsam entwickeln, ist kein Witz. Die Ernsthaftigkeit der Arbeit im ZIID konnte ich in meinen Bewerbungsgesprächen und in den ersten Tagen im Kulturpark bereits eindrücklich erleben. Doch zum Lernen, und vor allem zum interreligiösen Gespräch gehört Humor.

Lernen ist kein nur rationaler Vorgang, sondern unser Gedächtnis wird beeinflusst von unseren Emotionen. Freude, Dankbarkeit und Neugier sind die Gefühle, die meine ersten Tage im ZIID prägten. In Dankbarkeit blicke ich auf 10 Jahre London zurück, wo ich als «senior lecturer» für Jüdische Liturgie und jüdische Bibelauslegung in der Rabbinerausbildung am Leo Baeck College lehrte und für die College Bibliothek verantwortlich war. Das College war einer der Pioniere des interreligiösen Dialogs. Bereits in den sechziger Jahren des letzten Jahrhunderts betonte es die Notwendigkeit des Dialogs mit dem Islam für die RabbinatsstudentInnen und ich selbst bin seit 23 Jahren mitverantwortlich für seine internationale jährliche jüdisch-christliche Bibelwoche, die seit 50 Jahren in Deutschland stattfindet. London ist ein enorm lebendiges und vielfältiges Zentrum jüdischen Lebens. In jüdischen Gemeinden, Wohlfahrts-Einrichtungen, Geschäften und Kulturzentren wurde mein Horizont enorm erweitert, sei es bei Chanukka on Trafalgar Square oder Klezmer in Regents Park. Ich glaube, vielen London-Touristen ist diese Seite Londons kaum bewusst. Geprägt hat mich aber vor allem der ganz normale, unspektakuläre jüdische Alltag in meinen Gemeinden Kol Nefesh Masorti und West London Synagoge. Dort jedoch gehörte der gemeinsame «Iftar» mit den muslimischen Nachbarn, der interreligiöse Seder und die vielfältigen Gäste in der Gemeinde-Sukka zum normalen, unspektakulären Synagogenalltag. Der Weg von der Tätigkeit in der Londoner Rabbinerausbildung zur Arbeit im interreligiösen Dialog ist daher für mich eine Fortsetzung von Bisherigem und gleichzeitig eine spannende Entdeckung auf neuem Terrain.

Sie kennen mich vielleicht schon indirekt durch meine Bücher, z.B. die von mir übersetzte «Tora in jüdischer Auslegung» oder meine monatlichen Radiobeiträge im NDR, eine Arbeit die ich leidenschaftlich gern mache. Vielleicht begegnen wir uns nächstes Semester in meinen Kurs über scheinbar schwierige Texte in der Bibel. Ich hoffe auf lebhafte Diskussionen über «Auge um Auge» und andere problematische und seltsame Bibeltexte. Ich werde auch zwei meiner Hauptinteressengebiete ins ZIID einbringen: Den jüdischen Gottesdienst und Lernen mit dem Internet. Ich hoffe, sie sind neugierig, mich und meine Themen kennenzulernen. Die schönsten Momente für mich sind Begegnungen von sehr verschiedenen Menschen, die sich streiten können in der Liebe zu einem gemeinsamen Thema.

Während England sich nun auf Brexit vorbereitet, kehre ich in das Land zurück, in dem ich Ende der achtziger Jahre studiert habe (glücklicherweise hatte ich damals aus irgendeinem Grunde den Ehrgeiz, Bärndütsch verstehen zu wollen, was mir jetzt sogar auch in Zürich hilft). Ich freue mich darauf, die Schweiz nun viel besser kennenzulernen und bin gespannt auf viele neue Erfahrungen und Begegnungen mit Juden, Christen und Muslimen ... und natürlich auf Schweizer Humor.