Rundgang im Zentrum für Migrationskirchen

Zu Beginn des 21. Jahrhunderts präsentiert sich die religiöse Landschaft der Schweiz als vielfältig und dynamisch. Während in den öffentlichen und politischen Debatten Szenarien einer ‚Entchristianisierung’ und (heimlicher) ‚Islamisierung’ der Schweiz heraufbeschworen werden, ist in den letzten Jahrzehnten migrationsbedingt und fast unbemerkt von der breiten Öffentlichkeit hierzulande eine lebendige und sprachlich-kulturell äusserst vielfältige christliche Landschaft entstanden.

Die aus allen Kontinenten stammenden Christinnen und Christen in der Schweiz bringen nicht nur unterschiedliche kulturelle Prägungen, Lebensgewohnheiten und Sprachen mit sich. Auch ihre christlich-religiöse Identität ist geprägt durch eine Vielzahl von kulturellen, sozialen, kirchenhistorischen und nicht zuletzt auch politischen Aspekten.

Bereicherung und Irritationen

Für das etablierte und weitgehend monokulturell geprägte Christentum in der Schweiz bedeutet diese Entwicklung einerseits eine einmalige kulturelle und religiös-rituelle Bereicherung des kirchlichen Lebens. Die eingewanderten Christinnen und Christen aus anderen Ländern innerhalb und ausserhalb Europas bringen anderseits aber auch unterschiedliche Kirchenverständnisse und Frömmigkeitsformen, die man hierzulande oft als befremdend erlebt oder für längst überholt hält. Und nicht zuletzt herrschen in den christlichen Migrantengemeinden religiöse, soziale und moralische Auffassungen, die innerchristlich nicht selten für Irritationen sorgen.

Innerchristlicher Dialog wird notwendig

Aus diesen Dynamiken der innerchristlichen Entwicklung in der Schweiz erwächst auch die Notwendigkeit eines innerchristlichen Dialogs über die innerchristlich und gesamtgesellschaftlich sensible Fragen wie etwa der Ökumene, des interreligiösen Dialogs und des Stellenwerts von Kirchen und Religionsgemeinschaften innerhalb der Gesellschaft.

Die Förderung des innerchristlichen Dialogs als notwendiger Voraussetzung für den interreligiösen Dialog ist eines der neuen thematischen Schwerpunkte beim Fachbereich Christentum am ZIID. Zum Zweck der Sensibilisierung für dieses Anliegen organisiert das ZIID seit September 2016 Rundgänge durch die christliche Vielfalt im Grossraum Zürich.

Christinnen und Christen von Finnland über Senegal bis Philippinen

Als Auftakt zu den diesjährigen Rundgängen führte das ZIID am 12. März 2017 einen Besuch im Zentrum für Migrationskirchen in Zürich Wipkingen durch. Das seit 2008 bestehende Zentrum kann man im wahrsten Sinne des Wortes als ein ‚Haus der Völker’ bezeichnen. Im Zentrum treffen sich und feiern regelmässig reformiert geprägte Christinnen und Christen aus der ganzen Welt, von Finnland über Senegal und Brasilien bis nach Südkorea und Philippinen.

Im ersten Teil des Besuchsnachmittags führte die Leiterin des Zentrums, Pfarrerin Dinah Hess, die Teilnehmenden durch das Zentrum. Schon bei der Besichtigung einzelner Räumlichkeiten konnte man dem globalen Gesicht des Christentums begegnen, das sich sowohl in den Gesichtern von Erwachsenen und Kindern, denen man begegnete, als auch in den Musikklängen und Gesängen, die man aus einzelnen Räumlichkeiten wahrnahm, manifestierte.

Anschliessend an die Präsentation von Pfarrerin Dinah Hess, die einen interessanten Einblick in die Geschichte des Zentrums und die vielfältigen Formen des religiös-sozialen Lebens der christlichen Migrantengemeinschaften darin ermöglichte, waren wir zu Gast bei der Gottesdienstfeier der portugiesisch sprachigen Gemeinschaft «Igreja Evangélica de Lingua Portuguesa de Zurique». Die Gemeinschaft besteht mehrheitlich aus evangelischen Christinnen und Christen aus Brasilien, umfasst aber auch portugiesischsprechende evangelische Gläubige aus Afrika und Europa. Im Anschluss an die Gottesdienstfeier wurden wir eingeladen, am gemeinsamen Essen teilzunehmen.

Religion vor ihrem kulturellen Hintergrund verstehen

Der Rundgang im Zentrum hat einerseits gezeigt, dass Religion und religiöse Praxis immer ein Teil der jeweiligen kulturellen Prägung darstellen und vor diesem Hintergrund verstanden werden können. Anderseits zeigten die in der Gottesdienstfeier durchgeführten Rituale, dass religiöse Praxis mehr ist als fromme Pflichterfüllung. Sie bietet den Menschen aus verschiedenen sozialen Schichten und mit unterschiedlichsten biographischen Wegen vor allem einen Raum in dem sie sich gehört, verstanden und angenommen fühlen.

An dieser Stelle nochmals herzlichen Dank an Frau Pfarrerin Dinah Hess, die «Igreja Evangélica de Lingua Portuguesa de Zurique» und an die Teilnehmenden des Rundgangs.

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