Ver-rückt in der Fastnacht, ver-rückt im Glauben

Lautstark und mit grossem Getöse übernehmen die «Fasnächtler» jedes Jahr 40 Tage vor Ostern für wenige Tage das Zepter. Es werden Masken aufgesetzt, die keinem Schönheitsideal entsprechen und Kleider getragen, die weder modisch sind, noch irgendwelchen Konventionen folgen.

Es werden aber nicht nur die Schönheitsvorstellungen und ästhetische Kriterien auf den Kopf gestellt. Auch die bestehenden Machtverhältnisse bekommen Konkurrenz. Die Herrschenden und Mächtigen werden gnadenlos lächerlich gemacht, neue Prinzessinnen und Könige installiert, die sogenannten «No-Names» dürfen auf einmal und für kurze Zeit die ganz Grossen sein, während die tatsächlichen Grössen der Politik und der Wirtschaft als Arme und als Verlierer erscheinen. Ein ver-rücktes Spiel.

In den Bräuchen, Bildern und Symbolen der Vor-Fastenzeit treffen zwar unterschiedliche Kulturelemente und Motive aufeinander, die über das Mittelalter hinaus weit in die vorchristliche Zeit zurückreichen. Das «Ver-rückte» der Fastnacht ist aber auch ein biblisches Motiv. Das klingt auf den ersten Blick verrückt, denn im biblischen Buch der Sprichwörter wird deutlich vor Narrheit gewarnt. Im 13. Kapitel des Buches lesen wir beispielsweise: «Wer mit Weisen unterwegs ist, wird weise, wer mit Toren verkehrt, dem geht es schlecht» (Sprüche 13,20). Und im Kapitel 24 des gleichen Buches heisst es: «Das Trachten des Toren ist Sünde, der Zuchtlose ist den Menschen ein Gräuel» (Sprüche 24,9). Die Bibel ist aber nur oberflächlich betrachtet witzlos. Die eigentliche Pointe und der ‚Witz’ der biblischen Botschaft besteht darin, dass sie die Menschen auffordert, das «Selbstverständliche» oder das «Schicksalhafte» des Alltagslebens zu hinterfragen.

Das Aha-Erlebnis, das wir beim Anblick mancher Masken und Spiele während der Fastnacht haben, ist auch ein wesentliches Element im Verstehensprozess biblischer Erzählungen. Alltagsgeschichten werden hergenommen, um darin das Nichtalltägliche aufleuchten zu lassen oder zumindest mitzuteilen, dass es auch anders sein könnte. Und so begegnen wir in der Bibel Texten und Geschichten, in denen die Wirklichkeit für manchen Beobachter, manche Beobachterin närrisch auf den Kopf gestellt wird. In der Bergpredigt Jesu (Lk 6,20f) beispielsweise gehören ausgerechnet die Armen, Hungrigen und Weinenden zu den Erben des Reich Gottes. Und der christliche Glaube spricht angesichts des Kreuzes von der Auferstehung, angesichts des Todes am Grab vom Leben, angesichts der Ungerechtigkeit der Menschen von der Gerechtigkeit Gottes und angesichts des Hasses von der Liebe. Eine ver-rückte Welt begegnet uns hier.

Auf die verrückten Tage der Fastnacht folgt im Christentum die 40-tägige Fastenzeit. Sie beginnt am Aschermittwoch und dient als Vorbereitung auf das Osterfest. Die Fastenzeit ist aber kein abruptes Ende der närrischen Ausgelassenheit der Fastnacht. Sie ist vielmehr eine Denkpause, in welcher die Menschen wach und sensibel dafür sein sollen, dass die Welt, in der wir leben, nicht im Vordergründigen aufgeht. Auch in der Fastenzeit begegnet uns eine ver-rückte Welt. Sie gibt dem Menschen den Raum darüber nachzudenken, wie er es hält, mit sich selbst, mit seinen Mitmenschen, mit dem, was ihm heilig ist und mit dem, was dem anderen heilig ist. Klingt eigentlich verrückt in einer Zeit, in der die mächtigen Algorithmen uns zunehmend in ein Korsett des zeitgemässen Lebens, des zeitgemässen Konsumierens und nicht zuletzt auch des zeitgemässen Glaubens hineinpressen.