Purim - Oder: Das Chaos des Lebens

Am 28. Februar abends beginnt im Judentum «Purim». Es ist kein Fest, sondern nur ein sehr besonderer Tag, an dem das Chaos des Lebens bedacht wird.

Purim geht auf das biblische Buch Esther zurück, das im Abendgottesdienst und im Morgengottesdienst (am 1. März) mit einer lustigen Kantillation vorgetragen wird. Es ist – wie die Tora – auf eine Pergamentrolle geschrieben, die jedoch wie ein antiker Brief gefaltet ist. Die «Megilla» (Rolle), wie das Esther-Buch im Judentum genannt wird, ist eine Erzählung voller Humor und voller Ernst. Sie handelt von einem mächtigen König, der wenn man genau hinhört, nichts zu sagen hat, seinem schlauen Berater, der am Ende in dummer Eitelkeit seinen eigenen Galgen baut, und einem Waisenkind, das jüdisch ist, ohne dass jemand etwas davon merkt. Vor allem aber handelt es von der drohenden Gefahr einer Vernichtung des gesamten jüdischen Volkes, weil der Jude Mordechai sich weigerte, sich vor «dem bösen Haman» zu verneigen. Der Name «Purim» wurde von Esther 3,7 abgeleitet: «Im ersten Monat, das ist der Monat Nisan, im zwölften Jahr des Königs Ahaschweroschs, warf man das 'Pur', das ist das Los.», um den Tag auszulosen, an dem alle Juden in Persien ausgerottet werden sollten.

Purim ist das genaue Gegenteil von Pessach, das einen Monat später gefeiert wird. Während an Pessach alles wohl geordnet zugeht – alles Essen, Trinken und Lernen ist in einem «Seder» (Ordnung) geregelt –, ist Purim ein einziges Chaos. Die Geschichte des Estherbuches, der Megilla, ist chaotisch und so ist auch die karnevalistische Art, in der der Tag begangen wird: mit Getöse im Gottesdienst – jedes Mal, wenn das Wort «Haman» ertönt, wird er im Lärm erstickt. Man soll Alkohol trinken, so dass man nicht mehr zwischen Mordechai und Haman unterscheiden kann. Verkleidungen, Rollentausch und Masslosigkeit prägen den Tag. Jemand sagte einmal: Mancher Schmerz und manche Wut ist so abgrundtief, dass man sie nur ertragen kann, indem man sie absurd macht und wenigstens einmal das ganze Chaos des Lebens zum Ausdruck bringt.

Für andere ist Purim ein hoch bedenklicher Tag voller kritischer Selbstreflexion darüber, wie unser Verhältnis zu anderen Kulturen und Religionen sein sollte. Die Juden in der Geschichte der Megilla überleben zwar, doch leider nicht nur dies. Anstelle von Juden sterben am Ende tausende von Persern. Damit lehrt die Megilla in literarisch-poetischer Weise: Es kann doch nicht sein, dass die Lösung der Angst vor Vernichtung Vernichtung ist. Nach der Hinrichtung Hamans wohnt der Jude Mordechai im Haus des bösen Haman und trägt Hamans Ring (Esther 8,2 u. 7). Ist denn nun Mordechai der neue Haman?

Die Gebote an Purim sind: Man soll die Megilla – das Buch Esther – hören, die alles in Frage stellt. Man soll eine gute Mahlzeit geniessen und sich freuen, dass man überlebt hat. Man soll für Bedürftige spenden und anderen kleine Geschenke machen und dadurch die Not der Welt nicht übersehen.

Vier Wochen nach Purim wirkt das eigentliche Fest des Überlegens, Pessach, dann deutlich anders. Auch Pessach ist eine Überlebensgeschichte. Doch während im jüdischen Estherbuch das Wort «Gott» nirgends vorkommt – einige finden jedoch versteckte Hinweise zwischen den Zeilen und in der griechischen Übersetzung wurde es um einige Gebete erweitert –, ist an Pessach Gott allein der Retter vor Tod und Vernichtung. Während an Purim Haman mit Lärm ausgetilgt werden soll, heisst es nirgends in der gesamten jüdischen Tradition, dass man die Ägypter verurteilen oder vergessen oder angreifen soll.